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Mit einem schabenden Geräusch frisst sich der scharfe Bohrer tiefer in das Eis des Fox Lakes, während meine Arme beim Bedienen der Handkurbel immer schlapper werden. Nach etwa 10 Minuten Arbeit bin ich durch: das Eis auf dem See ist fast einen Meter dick. Ein Stück von einem Tintenfischring befestige ich als Köder an dem beschwerten Haken, den ich an der Angelschnur in das dunkle Wasser in meinem Eisloch sinken lasse.
Zusammen mit Stefan und Cynthia und ihrem Cousin samt seiner Freundin versuchen Claudia und ich erneut unser Glück beim Eisangeln. Auch Wendy und ihre beiden Hunde sind mit dabei bei. Eingemummelt in dicke Winterbekleidung sitzen wir alle mehr oder weniger geduldig an unseren Eislöchern und zupfen in freudiger Erwartung auf ein leckeres Abendessen an unseren Angelsehnen. Insgesamt ziehen wir drei Seesaiblinge aus dem Wasser, die Stefan am nächsten Tag in den Räucherofen hängt.
Nachts hält uns ein besonderes Naturschauspiel wach: Zusammen mit Stefan fahren wir aus der Stadt, um Nordlichter (Aurora Borealis) zu beobachten. Auf der Suche nach den besten Örtlichkeiten zum Fotografieren dieses atmosphärischen Phänomens, schleift uns Stefan durch die Gebüsche und Wälder um Whitehorse. Nordlichter entstehen, wenn die elektrisch geladenen Teilchen eines Sonnenwindes auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen und dort Luftmoleküle zum Leuchten anregen. Am besten kann man dieses Phänomen während der dunklen Wintermonate in den arktischen und subarktischen Breiten beobachten.
Von ein paar Freunden von Stefan und Cynthia erfahren wir, dass sie täglich Besuch von einem Luchs bekommen, der dort auf einer Wiese vor ihrer Hütte nach Mäusen jagt. Mit Ferngläsern und Fotoapparaten bewaffnet machen wir uns auf, um die Raubkatze bei ihrer Pirsch zu beobachten. Claudia, die schon lange einmal einen Luchs in freier Wildbahn sehen möchte, ist völlig begeistert von dieser Möglichkeit. Bei unserer Ankunft sitzt der Luchs bereits auf der Wiese und beobachtet uns Neuankömmlinge. Nach einigen Minuten gilt sein größtes Interesse wieder der Nahrungssuche. Vorsichtig schleicht er zu einer viel versprechenden Stelle und wartet auf sein nächstes Opfer. Als er einige Minuten später eine Maus unter der Schneedecke hört, springt er mit einem Satz kopfüber in den Schnee und schnappt sich den kleinen Nager. Dabei streckt er sein Hinterteil in die Höhe und wedelt aufgeregt mit seinem kleinen Stummelschwanz. Überall auf der Wiese finden wir die Spuren seiner überdimensionierten Pfoten, die etwa so groß sind wie mein Handabdruck. Mit dieser großen Auflage verhindert der Luchs wirkungsvoll, dass er in weichem Schnee tief einsinkt.
Auch die Vorbereitungen für unsere Yukon Expedition schreiten weiter erfolgreich voran. In Carmacks finden wir bei Peter Gerasch, dem Besitzer des Reiseveranstalters Canadian Wilderness Travel, einen gebrauchten Kanadier. Peter und seine Frau Anna laden uns noch auf einen Tee ein und geben uns ein paar gute Tipps für unsere Tour, bevor wir uns mit dem Boot wieder auf den Weg zurück nach Whitehorse machen. Inzwischen haben wir auch unsere Ausrüstung weiter vervollständigt und Vorräte eingekauft. Kistenweise stapelt sich bereits Lebensmittel, Schwimmwesten, Paddel, Angelzubehör, Landkarten usw. in unserem kleinen Zimmer. fs
"Wie wird es wohl sein, wenn wir uns nach der Wintersaison von "unseren" Huskies verabschieden müssen?" Diese Frage hatten wir uns schon gestellt, als unsere Reise nach Kanada noch in der Planung war. Nun wissen wir es: es ist schrecklich traurig, all die Hunde zu verlassen, die uns nun so ans Herz gewachsen sind. Besonders die schwierigen Charaktere, wie Kavik, Gus oder Sinner, für deren Vertrauen wir lange "kämpfen" mussten, machen uns den Abschied schwer. Zum letzten Mal streicheln wir Cheyanne durchs dicke Fell, kraulen Eddi und Nisku das Kinn und knuddeln Kellys Welpen. Leider ist in unseren Rucksäcken kein Platz für all die Hunde, die wir am liebsten mitnehmen würden.
Toms Eltern, Tibor und Hilde, bringen uns schließlich nach 100 Mile House zur Greyhound-Busstation. Zuerst wollten wir die Strecke bis nach Whitehorse im Yukon Territorium trampend zurücklegen. Aber als wir mit dem ganzen Gepäck unsere kleine Hütte verlassen und uns - wie Lastesel bepackt - zum Auto schleppen, ändern wir in Sekundenschnelle unseren Plan und entscheiden uns doch für den Bus. Rund vierzig Stunden lang versuchen wir bequeme Schlafstellungen in unbequemen Bussitzen zu finden und Wartezeiten auf Busstationen totzuschlagen. Zum Glück haben wir nicht versucht zu trampen: unterwegs sinken die Temperaturen auf -20°C und der starke Wind lässt den Schnee waagerecht fliegen. Die Verkehrsdichte von etwa einem Auto pro Stunde hätte eine Fortbewegung per Anhalter sicherlich auch nicht gerade beschleunigt. Gegen 4.30 Uhr morgens rollt unser Bus schließlich in Whitehorse ein.
Unsere Freunde Stefan und Cynthia, bei denen wir die nächsten Wochen verbringen werden, warten schon mit leicht verschlafenen Gesichtszügen auf uns. Schnell ist das Gepäck verladen und bei den beiden zuhause angekommen, können wir endlich in ein weiches Bett fallen. Doch schon früh jagen uns Stefan und Cynthia wieder aus den Federn. Sie wollen ihren freien Tag dazu nutzen, um mit uns eine Schneeschuhtour im nahe gelegenen Kluane-Nationalpark zu unternehmen. Auch Wendy, die Nachbarin, und ihre beiden Hunde Wilson und Irie sind mit dabei, als wir uns auf den Weg machen. Nachdem wir uns im südlicheren British Columbia schon auf den Frühling eingestellt hatten, herrscht hier im Yukon immer noch der Winter. Bei -15°C und strahlendem Sonnenschein arbeiten wir uns bergauf und genießen die Aussicht auf die umliegenden Berge. Wir sind nicht sicher, ob es die Anstrengung oder die Szenerie ist, die uns den Atem raubt.
Zurück in Whitehorse verbringen wir die nächsten Tage damit, uns bei verschiedenen Arbeitgebern in der Stadt um einen Job zu bewerben. Damit wir unsere Reisepläne für den kommenden Sommer umsetzen können, brauchen wir dringend eine kleine Finanzspritze. Schon nach einigen Tagen findet Claudia in einem kleinen Cafe im Zentrum der Stadt eine Stelle am Tresen, während ich von nun an in einem Supermarkt Regale mit Ware auffülle.
Am Wochenende machen wir mit Stefan einen Ausflug zum Sheep Mountain in den Kluane Nationalpark. Wir entdecken mehrere Gruppen der wilden Dallschafe, die dem Berg seinen Namen gegeben haben. Auf den bereits schneefreien Hängen stehen die schneeweißen Wiederkäuer und mampfen bereits fleißig pflanzliche Kost, während die umliegende Bergwelt noch immer unter der winterlichen Schneedecke verborgen liegt.
Nebenbei halten uns auch die Vorbereitungen unseres Sommerabenteuers auf Trab. Ab Anfang Juni möchten wir mit einem Kanu den gesamten Yukon bis zu seinem Delta an der arktischen Bering-See befahren. Für diese 3200 km lange Strecke werden wir zwei bis drei Monate brauchen. Und so eine lange Wildnisreise muss natürlich entsprechend sorgfältig vorbereitet werden. So brüten wir bereits über ellenlangen Ausrüstungs- und Lebensmittellisten, vergleichen Preise in den Supermärkten und suchen nach einem geeigneten Kanu. fs
Am liebsten würde ich mir auch noch den letzten Pullover vom Leib reißen. Unerbittlich knallt die Sonne vom Himmel. Der weiße Schnee reflektiert das grelle Licht, während er in der Mittagshitze vor sich hin schmilzt. Schweiß rinnt mir von der Stirn, während ich den Schlitten mit meinem Kunden den Anstieg hoch schiebe. Auch die Hunde hecheln sich bei diesen Temperaturen die Seele aus dem Leib. Kein Wunder: es sind immerhin sommerliche…+5°C!
Schon seit Tagen ärgert uns das Wetter mit solchen unangenehmen Plusgraden. Wir können dem Schnee dabei zuschauen, wie er langsam verschwindet. Die ersten schneefreien Flecken zeigen sich bereits. In der Nacht sinkt die Quecksilbersäule jedoch noch unter die 0°C-Marke. Unser Trail ist dann am Morgen so eisig, dass wir Probleme haben, die Schlitten zu bremsen. So ist die Wintersaison um einiges früher vorbei, als wir uns das vorgestellt haben.
Mit dem warmen Wetter werden die Welpen von Kelly, die vor etwa 5 Wochen das Licht der Welt erblickt haben, endlich etwas aktiver. Tollpatschig stolpern die fünf kleinen Fellbündel durch den Schnee und entdecken die Welt ihres Zwingers.
Wir nutzen die warmen Tage, um nun wieder mehr Zeit mit den ganzen jungen Hunden zu verbringen. Diese Arbeit, die extrem wichtig für die Sozialisation der Welpen ist, kam in den vergangenen Wochen, während wir Schlittentouren geführt haben, leider zu kurz. Nun gehen wir mit den etwas älteren Welpen von Kitkat spazieren und starten die ersten Versuche vor dem Schlitten mit den neun Monate alten Hunden. Spielerisch führen wir die sechs Halbstarken an ihre neuen Aufgaben heran. Zuerst drehen wir ein paar kürzere Runden mit einem Kinderschlitten um das Haus. Schließlich versuchen wir jeweils einen jungen Hund mit einem erfahrenen Husky vor dem richtigen Schlitten. Wir sind beeindruckt vom Nachwuchs! Die "Kleinen" rennen, als hätten sie die letzten Monate nur darauf gewartet endlich loszulegen! fs
Autos und Flugzeuge sind out! Das hat auch die kanadische Post eingesehen und steigt - zumindest für drei Tage - wieder auf traditionelle Fortbewegungsmittel um. Nördlich von Quesnel startet in diesem Jahr am 24. Januar der 16. Gold Rush Trail Mail Run. Insgesamt 55 Schlittenhundeteams und ihre Musher machen sich auf den Weg, um über 5000 Briefe der kanadischen Post zu transportieren. Dabei folgen sie der historischen Route, auf der in den 1860er Jahren abenteuerliche Goldgräber in die Cariboo Berge zogen.
Claudia sortiert die Zuggeschirre unserer Hunde, während ich das Gepäck auf meinem Schlitten festzurre. In meinen geheimsten Träumen hatte ich schon immer von einer Karriere als Postbote geträumt und war umso glücklicher, als sich die Gelegenheit bot, diese verantwortungsvolle Aufgabe in Kanada mit einem Hundeteam zu erfüllen. Zusammen mit Paul, Mona und Elena machen wir uns auf, um während der nächsten drei Tage jeweils zwei Säcke mit Post für 100 km durch die Wildnis zu transportieren.
Beim Start sind die Hunde mindestens genauso aufgeregt wie ich. Nishka und Ultra, meine Leithunde, springen vor lauter Ungeduld vor dem Schlitten hin und her. Sie wollen endlich losrennen. Ich habe das Kommando nicht einmal vollständig ausgesprochen, da sprinten sie schon los…und ab die Post! Für die ersten Kilometer folgt unsere Route einer breiten und völlig vereisten Forststraße. Der Schlitten beginnt plötzlich zu schlingern und nur mit Hilfe des Schneeankers, den ich bei voller Fahrt zum Bremsen auf das Eis drücke, gelingt es mir schließlich, die Geschwindigkeit zu drosseln und den Schlitten wieder unter Kontrolle zu bringen. Ich bin froh, als die Hunde schließlich auf einen weniger eisigen Pfad in den Wald abbiegen.
Unsere erste Nacht verbringen wir beim Checkpoint Cottonwood. Zwischen unseren Schlitten spannen wir eine Zeltplane und richten mit Schlafsäcken und Isoliermatten unser Nachtlager ein. Bei lauen -5°C schlafen wir halbwegs entspannt. Nur hin und wieder weht es ein paar Ladungen Schnee unter unser Dach.
"Hätte ich doch nur die angebotenen Pfannkuchen zum Frühstück gegessen", denke ich mir, als ich gleich am nächsten Morgen einen steilen Hügel unter die Kufen meines Schlittens nehme. Ich komme mächtig ins schnaufen, als ich mit noch müden Gliedern den Schlitten bergauf schiebe. Der Musher auf dem Schlitten ist Teil des Teams. Und das bedeutet, dass man - besonders bergauf - gemeinsam mit den Hunden arbeitet. Wer das mal vergisst, bekommt von den protestierenden Vierbeinern gleich böse Blicke zugeworfen und wird an die eigene Verantwortung erinnert. Mehrere hundert Höhenmeter müssen sich die Teams heute bergauf kämpfen. Zum Glück sind diese Anstiege bei weitem nicht so steil. Für die Anstrengung werden wir belohnt, als wir schließlich den Pinegrove Mountain erklommen haben und die Aussicht auf die umliegenden Berge genießen können. Bei der Abfahrt in das Troll Ski Resort, unserem heutigen Tagesziel, können wir die Hunde mal so richtig rennen lassen. Ausgelassen sprinten sie vor dem Schlitten ins Tal. Für die bunt gekleideten Besucher der Skianlage, die auf ihren Brettern über die Piste donnern, sind die ankommenden Hundeteams natürlich eine Attraktion. "Dürfen wir die Hunde streicheln?", bedrängen uns zahlreiche Kinder und auch einige Erwachsene können ihre Begeisterung nicht verbergen. Spätestens als sich unsere Hunde genüsslich im Schnee wälzen, während sie von den Besuchern gekrault werden, ist auch das letzte Vorurteil, dass Huskies von Natur aus aggressive Hunde seien, abgebaut.
In Troll haben die Veranstalter einen besonderen Wettbewerb für die Hundeschlitten-Teams vorbereitet. Beim Mushers Triathlon müssen sich die Teilnehmer in typischen Wildnisdisziplinen messen. Es gilt einen Elchruf zu imitieren und eine Tellereisen-Falle aufzuspannen. Außerdem muss Feuerholz gespalten, ein Feuer entzündet und darauf sowohl Tee gekocht als auch Bannock, das Brot der Goldgräber, gebacken werden. Dabei stehen vor allem Spaß und die zahlreichen Betrugsversuche im Mittelpunkt des Geschehens.
Der dritte Tag ist für mich der Höhepunkt des Gold Rush Trail Mail Runs. Der schmale Pfad, eigentlich ein Sommer-Wanderweg, führt durch dichten Wald, entlang verschneiter Berghänge und über kleine Bäche. Traumhafte 25 km geht es auf und ab, bis wir schließlich die verlassene Goldgräberstadt Barkerville erreichen. Unterwegs gabele ich noch eine "Anhalterin" auf, die sich mit Schneeschuhen aufgemacht hat, um die letzte Etappe des Mail Runs mitzuerleben.
Von Barkerville nach Wells, dem Ziel des Mail Runs, bekommt die Veranstaltung noch mal einen anderen Charakter. Nach einer kurzen Verschnaufpause für die Hunde und die Musher ertönt das Startzeichen für ein kleines Rennen über die letzten 9 km. Der Massenstart sorgt für Durcheinander bei den Hunden und waghalsige Überholmanöver für Adrenalinschübe bei den Schlittenfahrern. Ich lasse ich es eher langsam angehen und genieße einfach die letzten Kilometer des Trails, während mich die schnelleren Teams überholen.
In Wells warten bereits die offiziellen Vertreter der kanadischen Post, um die Säcke mit den Briefen wieder in Empfang zu nehmen. Von nun an werden sie wieder mit Auto und Flugzeug transportiert. Schade! fs
Der Countdown läuft: "…three, two, one and go!", zählt Irvin Wiens, Schlittenbauer und Race-Marshall. Die Starthelfer springen zur Seite und mein Team rennt los, als hätte ich ihnen eine Extraration Hundefutter versprochen. An diesem Wochenende nehmen Claudia und ich mit jeweils einem Hundeteam an einem Sprintrennen in 100 Mile House teil. Während Claudia in der Purebred-6-Dog-Class antritt, starte ich in der Purebred-8-Dog-Class des "Cariboo Challenge - Home of the Jack Gawthorn Memorial Sled Dog Race".
Als ich morgens auf der Rennstrecke war, um die Schneebedingungen zu testen, habe ich mich über die fantastischen Wegbedingungen gefreut. Dafür ernte ich von einigen erfahrenen Renn-Mushern fragende Blicke und Kopfschütteln. Während unsere Hunde normalerweise auf viel weicheren und nur wenig verfestigten Trails laufen, haben die echten Renn-Teams nur selten eine so weiche Strecke gesehen.
Schon den ganzen Winter lang hatte Claudia ein wachsames Auge auf unsere Hunde und versuchte die besten Kombinationen für unsere Rennteams zu finden. Das brachte ihr inzwischen den inoffiziellen Titel des "Nakitsilik Outdoors Adventures Dogmanagers" ein. Leider mussten wir noch in den letzten Tagen einige Änderungen in der Hunde-Aufstellung vornehmen, so dass wir keine Zeit hatten, die endgültigen Rennteams zu testen. Doch schon kurz nach dem Start wird mir klar, dass Claudia für mich ein absolutes Gewinner-Team zusammengestellt hat. Auf dem großartigen Trail und mit dem ausgeliehenen Renn-Schlitten von einem befreundeten Musher fliegen wir nur so um die Kurven. Als ich die Ziellinie überquere, bin ich völlig überwältigt von unserem Erfolg. Ich habe mit unseren Hunden im ersten Lauf auf der nur 8 Meilen langen Rennstrecke einen Abstand von rund 12 Minuten zu meinem Verfolger ausbauen können. Der zweite Lauf am nächsten Tag ist ebenfalls schwer erfolgreich. An diesem kälteren Tag kommen die Wegbedingungen den Renn-Teams schon eher entgegen. Trotzdem bin ich wieder um einige Minuten schneller im Ziel als die anderen Teams und gehe ziemlich überraschend als Sieger aus diesem Rennen. Claudia ist mit ihrem Team im ersten Lauf sogar noch schneller als ich, aber in ihrer Klasse ist die Konkurrenz deutlich härter. Sie schafft es auf den zweiten Platz und ist so sehr vom Renn-Fieber gepackt, dass sie nun Tag und Nacht von einem eigenen Renn-Kennel träumt.
Aber auch abgesehen von unseren Erfolgen auf der Rennstrecke ist dieses Wochenende ein absoluter Gewinn für uns. Wir lernen hier andere Musher kennen, tauschen Erfahrungen aus, helfen fremden Teams an den Start und können selbst auf die Hilfe von anderen zählen. Außerdem ist es eine tolle Gelegenheit einige bekannte Gesichter wieder zu treffen. Paul, den wir im Herbst bei Lauries Funrun-Wochenende kennen gelernt haben, ist für zwei Wochen aus Alberta zu Besuch gekommen, um seine alten Hunde, die nun bei uns untergebracht sind, wieder zu sehen und um am Rennen teilzunehmen. Auch Daryle, der im Herbst dabei war ist mit einigen seiner "Kids", die an seinem Sozialarbeitsprojekt teilnehmen, und zwei Hundeteams von Vancouver Island angereist, um in der Novice-Class zu starten. Ebenso sind Dana und Don mit ihrem Team zum Rennen gekommen und Tracey hat ihre Familie in den Wagen gepackt, um ihrem Sohn Brandon die Möglichkeit zu geben, bei den Junioren zu starten. fs
Dicke Schneeflocken fallen in rauen Massen vom Himmel und tanzen im Lichtkegel meiner Stirnlampe zu Boden. Noch ist es dunkel, als Claudia und ich in den Pick-up steigen und wir uns auf den Weg zum Startpunkt für die heutigen Touren machen. Seit einigen Tagen sind wir nun hier in Pemperton ganz in der Nähe des Skiortes Whistler, wo während der olympischen Winterspiele von Vancouver im Jahr 2010 einige Skidisziplinen ausgetragen werden. Bob, der Chef von Whistler Dogsledding, hatte mit Laurie vereinbart, dass wir über Weihnachten und Silvester mit 26 Hunden bei ihm aushelfen sollten. So haben wir die Möglichkeit auch mal ein paar anderen Guides bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Rund 330 Alaskan Huskies und etwa 25 Guides verrichten hier Tag für Tag ihre Arbeit. Vier bis fünf Mal pro Tag starten sie mit ihren Schlitten für kurze Läufe von maximal einer Stunde. Da unsere Sibirischen Huskies jedoch für ganz andere Arbeit (größere Distanzen bei geringerer Geschwindigkeit und niedrigeren Temperaturen) trainiert sind, klappt die Zusammenarbeit nicht ganz so wie erhofft. Claudia, ich und die Hunde arbeiten wie verrückt, um wenigstens halbwegs in der vorgegebenen Zeit bis zu drei Personen in unseren Schlitten den Berg hochzuschieben. An manchen Abenden fühlen wir uns sogar zum Essen zu müde und fallen völlig erschöpft ins Bett. Kurz nach Weihnachten fängt sich Claudia dann eine schwere Erkältung ein und auch einige der Hunde fühlen sich bei den Arbeitsbedingungen in Whistler offensichtlich nicht besonders wohl. Schließlich liege auch ich mit Durchfall, Fieber und Erbrechen tagelang im Bett. Dank einiger hartnäckiger Bakterien, die es sich in meinem Magen-Darm-Trakt bequem gemacht haben, kann ich meinen Neujahrsvorsatz etwas Gewicht zu verlieren, bereits kurz nach dem Jahreswechsel als umgesetzt abhaken: während dieser wenigen Tage verliere ich rund zehn Kilogramm Gewicht. Gemeinsam mit Laurie und Bob beschließen wir, unsere Arbeit in Whistler vorzeitig zu beenden und die Hunde nach Bridge Lake zurückzubringen.
Mit der Hilfe moderner Antibiotika bin ich bereits kurz nach meiner Rückkehr nach Bridge Lake wieder auf den Beinen und kann mit Carsten und Claudia und einigen Hunden eine Zwei-Tages-Tour unternehmen. Wir packen Tarp, Schlafsäcke, Kocher, Essen und Hundefutter in die Schlitten und machen uns mit drei Teams auf in Richtung Young Lake. Es ist großartig, endlich auch einmal zu erkunden, wie es jenseits unseres "hauseigenen" Wegesystems aussieht. Am Ufer des Sees schlagen wir unser Lager auf und genießen die Nachmittagssonne, während unsere Nudelsuppe auf dem Benzinkocher brodelt. Die Nacht ist mit -5°C relativ warm, so dass wir recht entspannt schlafen. Auch die Hunde scheinen den kurzen Tapetenwechsel zu genießen und verhalten sich ziemlich ruhig an ihrer Kette, mit der wir sie zwischen den Bäumen festgebunden haben. Nur einmal in der Nacht, als sich irgendein Tier dem Lager nähert, springen sie alle gleichzeitig auf und starten ihr wildes Gebell.
Ein paar Tage später starten wir zu einem weiteren Winterabenteuer. Ausgerüstet mit Schnur, Haken und Köder machen wir uns auf zum Sharpe Lake, einem der Seen in der näheren Umgebung und versuchen unser Glück beim Eisangeln. Ich bin nicht sicher, ob es uns an Glück oder an Erfahrung mangelt, aber an diesem Tag zeigt sich kein einziger Fisch an unseren Ködern interessiert. Dafür beobachten wir einen Elch, der in einiger Entfernung über den See rennt und schließlich im Wald verschwindet. fs
Kittys Welpen haben inzwischen ihre Augen geöffnet und erkunden vorsichtig auf noch etwas wackeligen Beinen die nähere Umgebung. Da die Temperaturen etwas gestiegen sind (ca. 0 bis -5 °C), konnten sie von ihrem warmen Platz in Lauries Büro nach draußen in die Zwingeranlage umziehen. Dort liegen sie die meiste Zeit schlafend in ihrer Hundehütte in einem Nest aus Stroh und lassen sich von Kitty wärmen. Aber gelegentlich traut sich auch mal der ein oder andere für ein paar Schritte nach draußen.
Für große Freude haben die kleinen Welpen auch bei unseren Gästen aus Australien und England gesorgt. Vor etwa zwei Wochen waren Daryl, Ruth, Kathryn, Steve und Phil für fünf Tage zu Besuch. Eigentlich wollten sie die nähere Umgebung mit unseren Schlitten unsicher machen, aber leider hat ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gleich zu ihrer Ankunft sind die Temperaturen von -20°C auf herbstliche +10°C gestiegen. Ein lauer Wind wehte über die Hügel und Wälder der Cariboo Region und wir konnten dem bisher gefallenen Schnee beim Schmelzen zuschauen. Es blieb nichts als Schneematsch und Eis. So mussten sich unsere unglücklichen Gäste mit Wanderungen und einigen Ausflügen auf unseren Geländefahrzeugen begnügen. Auf dem gefrorenen Sharp Lake bauen wir aus dem nassen Schnee sogar noch einen Schneemann. Ganze 20 Minuten überlebt er, bevor er unter der Kraft der wärmenden Sonne zusammen bricht.
Inzwischen ist es wieder kalt genug und zum Glück hat es auch ein wenig geschneit. Man kann zwar noch nicht von Schneemassen sprechen, aber es reicht so gerade zum Schlittenfahren. Die Gelegenheit haben wir natürlich gleich genutzt und sind mit Laurie zum Moose Valley Provincial Park gefahren. Dort werden wir in dieser Saison einige unserer Touren durchführen. Unser Freund Carsten, der seit einigen Tagen aus Deutschland zu Besuch ist, konnte ebenfalls seine ersten Hundeschlitten-Kilometer meistern. Leider verlief nicht alles ganz nach Plan. Eine der Hündinnen hatte sich verletzt und konnte nicht richtig laufen. Außerdem entschied Shawnee, einer der Leader, dass er Schlittenfahren ab jetzt total doof findet, so dass Carsten und Claudia abwechselnd hinter seinem stark geschwächten Team herlaufen mussten, um den Schlitten mit anzuschieben. Mein Team war dagegen hervorragend und zog mich ohne zu murren die ganze Zeit erstklassig durch die Wälder des Moose Valley.
Heute haben wir uns dann gleich wieder mit einigen Teams aufgemacht, um unsere Trainingsrunden nun endlich auch mal mit dem Schlitten zu drehen. Und nicht nur die Hunde kamen dabei mächtig ins Schwitzen. Bei den Anstiegen heißt es schieben und bei den Abfahrten muss mit aller Kraft gebremst werden. Was beim Training im Herbst mit den Allradfahrzeugen ein Kinderspiel war, artet nun in echte Arbeit aus. Denn die Route hält jede Menge knifflige Stellen parat. Neben dem ständigen Auf und Ab gibt es mehrere Passagen auf denen man Hänge queren muss und enge Kurven zu meistern hat. fs
Dass die Arbeit mit den Hunden nicht nur Freude bedeutet, mussten wir erleben, als vor einigen Tagen einer der Hunde gestorben ist. Kavik war ein riesiger Malamute-Rüde, der sich jedes Mal, wenn wir in seinen Zwinger kamen, auf seine Hinterbeine stellte und die Pfoten auf unsere Schultern legte, um gekuschelt zu werden. Da er nicht nur riesig, sondern - trotz seines hohen Alters - auch extrem stark war, hatte man dabei etwa das Gefühl mit einem Bären eine gemütliche Runde Schlammcatchen zu veranstalten. Doch von einem auf den anderen Tag hörte er auf zu fressen und wurde innerhalb weniger Tage erschreckend dünn. Zum Vorschein kamen nicht nur seine Rippen, sondern wir konnten auch die Krebstumore in seinem Bauch ertasten. Obwohl wir schrecklich traurig waren, als er gestorben ist, sind wir auch froh, dass er seine Schmerzen nicht mehr länger ertragen muss.
Nur ein paar Tage später zeigt uns Kitty (eigentlich heißt sie Kitkat) wieder die schönen Seiten unserer Arbeit. Im Laufe des Morgens bringt sie insgesamt sieben kleine Welpen zur Welt. Munter vor sich hin quiekend liegen die kleinen Fellbüschel mit ihrer Mutter in einer großen Hundebox im Büro und suchen schmatzend nach den Zitzen. Sie wachsen so schnell, dass man ihnen dabei beinahe zusehen kann. Innerhalb weniger Tage haben sie es schon auf die doppelte Größe geschafft. Für die ersten zehn Tage sind die kleinen Hunde blind und taub. Claudia und ich können es kaum erwarten, bis sie ihre Augen öffnen. Während der ersten Tage hält Kitty für ein paar Tage alles Mögliche für ihre Welpen und schleppt auch das Spielzeug von Toms Golden Retriever zu ihren Jungen. Den kleinen Stoffteddy stopft sie sich sogar an die Zitzen. Ein paar Tage später hat sie allerdings kapiert, dass Teddy kein Welpe ist…und ihn beim Spielen zerfetzt.
Doch nicht nur die kleinen Welpen sind neu bei Nakitsilik. Von befreundeten Mushern hat Laurie vier neue Hunde bekommen. Obwohl ihre Ankunft für mich ein etwas weniger erquickendes Erlebnis war (sie haben sich schneller durch die Autotür gezwängt, als ich reagieren konnte…und erstmal auf eigene Faust die nähere Umgebung erkundet…), haben wir uns inzwischen ganz gut angefreundet. Nik, Capone, Meadow und Truth zeigen sich auf ihren ersten Trainingsläufen mit uns von ihrer Schokoladenseite.
Auch der Fuhrpark von Nakitsilik Outdoors Adventures hat "Zuwachs" bekommen. Seit letzter Woche ist Laurie stolze Besitzerin eines neuen Trucks. Mit diesem riesigen Auto fahren wir gemeinsam nach Kelowna, um Lauries Freundin Mona einen Anhänger zu bringen. Gemeinsam mit ihrem Mann Cliff will Mona für Laurie darauf zwei große Hundetransportboxen bauen. Damit können wir dann bis zu 56 Hunde transportieren. Für Claudia und mich ist diese Fahrt eine tolle Gelegenheit, noch ein paar andere Ecken von British Columbia zu sehen. Fünf Stunden lang fahren wir durch die Berge und Wälder in Richtung Süden. Dafür fällt der Aufenthalt in Kelowna etwas kürzer aus: eine Stunde bleibt für Teetrinken und Erzählen bei Mona, dann müssen wir uns wieder auf den Rückweg machen…rund hundert Hunde wollen gefüttert werden.
Außerdem hatten wir Besuch aus den USA. Vicky und ihr Mann Tom sind mit ihren fünf Samoyeden für einen Workshop gekommen. Diese Hunderasse kommt ursprünglich aus Sibirien und wurde dort von den Ureinwohnern als Hüte- und Schlittenhund genutzt. Nun sollen die Hunde unter Lauries Anleitung lernen, vor dem Schlitten zu laufen. So ziehen die beiden erwachsenen Hunde unter den animierenden Zurufen von Laurie und Vicky einen Wagen mit Tom die Straße rauf und runter. Anschließend sind die drei Welpen vollauf damit beschäftigt, jeweils einen alten Autoreifen hinter sich her zu schleifen. Da das Auto der beiden auf dem Hinweg eine Panne hatte und in der Werkstatt auf einen neuen Motor warten musste, verlängerte sich der Workshop von drei Tagen auf eine ganze Woche. So hatten die beiden auch die Gelegenheit, uns auf den Trainingsrunden mit unseren Sibirischen Huskies zu begleiten. fs
Am Freitag machen wir einen Ausflug in die Stadt. Sie heißt 100 Mile House und ist eine zweckmäßige Ansammlung von einigen Geschäften und kleinen Dienstleistungsunternehmen wie etwa Friseuren, Waschsalons, Banken, etc. Sehenswürdigkeiten gibt es keine, dafür bekommt man alles was man so braucht…aber eben auch nicht viel mehr. Wir leisten uns etwas Nähzeug (die Welpen haben unsere Hosen in der Mangel gehabt und auch ein paar Socken mussten gestopft werden) und ich gönne mir ein Paar gefütterte Arbeitshandschuhe. Außerdem müssen wir eine Palette Hundefutter abholen.
Schon die eineinhalbstündige Fahrt nach 100 Mile House ist ein Erlebnis. Hilde und Tibor, Toms Eltern, nehmen uns in ihrem Auto mit. Die beiden sind 1957 bzw. 1959 aus Deutschland ausgewandert und nach Kanada gegangen. Seitdem sind sie nicht mehr in Deutschland gewesen. Und so ist natürlich auch ihr Bild von Deutschland ein vollkommen anderes, als das unsere. Sie haben sich dieses Deutschland in ihren Erinnerungen wohl konserviert und erzählen uns von "der guten alten Zeit". Dazu plärrt im Hintergrund bayrische Volksmusik von der Kassette. Für die beiden offensichtlich ein Stückchen Heimat…für uns eine echte Herausforderung. In 100 Mile House holen die beiden ihr neues Auto ab. Ein riesiger Pick-up wartet schon beim Ford-Händler auf den neuen stolzen Besitzer. Tibor strahlt von einem Ohr zum anderen bei der Luxusausstattung: Elektronische Fensterheber, elektronische Sitzverstellung, Zahlencode zum Türoffnen (falls der Schlüssel verloren geht), usw. Das einzige, was fehlt ist ein Kassettenrekorder. Und so verzichten wir auf der Rückfahrt auf das Heimatgefühl vom Tonband.
Am Samstag können wir dann unseren pyromanischen Trieben freien Lauf lassen. Nachdem Tom und Laurie einige Bäume auf ihrem Grundstück gerodet und an die Sägemühle verkauft hatten, wurden im letzten Jahr das Reisig und die ganzen unverkäuflichen Holzreste zu riesigen Haufen zusammen geschoben, die nun nach und nach abgebrannt werden sollen. Das Ergebnis dieser Zündelei ist vermutlich -und hoffentlich- das größte Lagerfeuer meines Lebens. In bester Pfadfinder-Tradition entfachen Claudia und Tom ohne Benzin (!) mit jeweils einem Streichholz und etwas Papier und Pappe ein wahres Höllenfeuer. Nachdem der Wind das Feuer ordentlich vom Rand in das Zentrum des riesigen Haufens geblasen hat, reichen die Flammen etliche Meter in den Himmel. Noch zwei Tage später schlagen vereinzelt Flammen aus den verkohlten Resten. Qualm steigt auch eine Woche später noch aus der Asche.
Am Tag nach unserem großen Feuer streicht ein starker Wind über die Cariboo Region. Obwohl es kein ausgewachsener Sturm wird, knicken etliche Bäume um wie Streichhölzer und machen dabei keinen Bogen um Strommasten und Telefonleitungen. Fast fünf Tage lang haben wir keinen Strom. Telefon und Internet sind sogar erst nach einem weiteren Tag wieder verfügbar. Wenn man einen Holzofen und eine Petroleumlampe hat, kann man ohne Strom eigentlich ganz gut klarkommen. Telefon- und Internetausfall sind für eine Firma wie Nakitsilik Outdoors Adventures natürlich ein Problem, weil gerade zu dieser Jahreszeit etliche Buchungen eingehen. Das größte Problem war jedoch die komplett gefüllte Tiefkühltruhe, die langsam auftaute. Tom und Laurie besorgten deshalb einen Dieselgenerator, der abwechselnd bei uns und bei Toms Eltern lief.
Da sich die Hunde beim Training ganz gut schlagen, haben wir vor ein paar Tagen die Trainingsrunde um einige Kilometer erweitert. Da die Hunde nun an manchen Wegstellen andere Abzweige und Kurven nehmen müssen als bisher, sehen wir ganz gut, welche Hunde einfach nur dem bekannten Weg folgen und welche Leader wirklich auf unsere Kommandos hören. Allerdings hört kaum noch einer der Hunde auf unsere Kommandos, wenn mal wieder eines der vielen Kamikaze-Squirrel (Eichhörnchen) in scheinbarer Selbstmordabsicht unseren Weg noch kurz vor den Leithunden überquert. Man könnte meinen, die kleinen Nager tragen einen Wettkampf aus, wer sich am weitesten an die Hunde herantraut. Dieses Spiel bringt die Huskies natürlich mächtig in Rage. Jedes kecke Squirrel wird mit echter Raubtierbegeisterung verfolgt. Wenn Claudia und ich nicht schnell genug auf die Bremse treten, verschwindet das halbe Hundeteam im Gebüsch, wo wir es erstmal wieder entwirren müssen. fs
Letztes Wochenende haben uns Laurie und Tom der romantischen Vorstellung beraubt, dass Lebensmittel steril verpackt in den Regalen unserer Supermärkte wachsen. Es war Schlachttag und zwei der Truthähne traten den Weg in die Gefriertruhe an. Keine schöne, aber doch wichtige Erfahrung für uns. Schließlich haben wir diesen Teil der Nahrungsproduktion bisher bequem ausblenden können.
Unterdessen laufen die Vorbereitungen für den Winter auf Hochtouren. Alle Ausrüstungstücke, Werkzeuge, usw. die draußen vor dem Haus und in der Zwingeranlage herumliegen, müssen eingesammelt und ordentlich verstaut werden. Denn wenn der Schnee alles bedeckt, findet man bis zur Schmelze im Frühjahr nichts mehr davon wieder. Leider ist der wenige Schnee, der bis jetzt schon gefallen war, wieder geschmolzen. Das Wetter kann sich noch nicht so ganz zwischen ordentlichen Minusgraden und milden 10°C entscheiden. Inzwischen ist auch ein Großteil der Feuerholz-Vorräte für das Haupthaus zersägt, gehackt und aufgestapelt. Trotzdem werden Claudia und ich noch einige Tage damit zubringen, auch genug Brennholz für unsere kleine Hütte vorzubereiten.
Unser Training mit den Hunden zeigt Fortschritte. Jeden Tag rennen wir mit insgesamt vier Teams, bestehend aus jeweils acht bis zehn Huskies, auf unserer Trainingsstrecke durch den Wald. Während der erste Lauf in dieser Saison noch zweieinhalb Stunden dauerte (mit zahlreichen Pausen bei warmem Wetter), sind wir inzwischen schon nach einer Stunde wieder zu Hause. Alle Teams rennen inzwischen mit Geschwindigkeiten zwischen 14 und 18 km/h und sprinten vor lauter Begeisterung mit 20 bis 25 km/h aus dem Hof. Wenn wir sie nicht bremsen würden, wären sie vermutlich noch etwas schneller.
Einer unserer Hunde, Mica, fällt jedoch etwas aus der Rolle. Auf einem kurzen Stück Straße, das wir auf dem Weg zu unserer Trainingsrunde nutzen müssen, hat er große Angst, bergab zu laufen. Bei zu hoher Geschwindigkeit hält er einfach an und stoppt das gesamte Team. Deshalb versuchen Claudia und ich ein Spezialtraining mit ihm. Wir spannen Mica allein vor ein Renn-Cart, laufen nebenher und versuchen ihm so die Angst vor der Straße zu nehmen. Leider hatte das bei ihm bisher nicht den gewünschten Erfolg. Und so läuft Micas Team nach wie vor die wenigen hundert Meter Straße in Zeitlupengeschwindigkeit. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit…
Ein ganz anderes Problem zeigte sich vor einigen Tagen bei Skor, einem netten flauschigen 5jährigen Rüden, der plötzlich Probleme mit der Verdauung hatte. So brachte Laurie ihn heute zum Tierarzt nach 100 Mile House (die nächste etwas größere Ansammlung von Häusern und Geschäften). Zum Glück gibt der Arzt Entwarnung: es ist wohl nur eine relativ harmlose Darm-Entzündung. Ein paar Tage Diät und ein paar Einheiten Antibiotikum und Skor sollte wieder auf den Beinen sein. fs
Einmal im Jahr veranstalten Laurie und Tom den "Fun-Run". Dazu trudelten am letzten Wochenende rund 25 Leute hier ein. Drei Tage lang drehte sich alles um das Thema "Schlittenhunde". Mit von der Partie waren ein Schlittenbauer, eine Hundefutter-Verkäuferin, Ausrüstungshersteller und jede Menge Musher. Erfahrungen wurden weitergegeben, die verrücktesten (und halsbrecherischsten) Gefährte hinter einem Hundegespann ausprobiert, Welpen wurden gegen Spülmaschinen getauscht und neue Schlitten in Auftrag gegeben. Und natürlich wollte jeder die genialen Trainingsbedingungen vor Ort nutzen, um die eigenen Hunde rennen zu lassen. Am Abend saß ich in einer Frauenrunde und lauschte amüsiert den Geschichten über ihre Ehemänner. Es war unter anderem die Rede von einem betrunkenen Gatten, der mit einem Bagger versuchte, einen komplett eingerichteten Werkzeugschuppen zu verschieben - der dabei zusammenfiel. Es folgten Geschichten über ausufernde Brände im Garten, weil der Grill ohne Benzin einfach nicht richtig brennen wollte, und einen Vater, der mit seinem handwerklichen Geschick innerhalb weniger Versuche die Motorsäge des Nachbarn vollständig ruinierte.
Mit dabei an dem Wochenende war auch Daryle, ein riesiger Kerl von Vancouver Island. Auch er brachte einige seiner Sibirischen Huskys mit. Mit seinen Hunden hat er vor einigen Monaten ein Projekt für behinderte Jugendliche ins Rollen gebracht. Sie lernen dabei, wie man die Hunde versorgt und mit ihnen trainiert. Bei der Arbeit mit den Tieren bauen die Kids Aggressionen ab und entdecken eine spannende Alternative zu Fernsehgucken und Videospielen.
Ein paar der Besucher erzählen von einem Schwarzbären, den sie ganz in der Nähe am Straßenrand auf einer Weide gesehen haben. Mit Paul, einem Wildtier-Biologen aus Alberta, machen wir uns am Dienstag auf die Suche. Tatsächlich entdecken wir unseren ersten Bären friedlich grasend auf der besagten Wiese. Um diese Jahreszeit fressen die Bären sich ihren Speck für den kommenden Winter an. Mit den Ferngläsern können wir ihn von der Straße aus in sicherer Entfernung dabei beobachten. Kurz danach entdecken wir noch einen Weißkopfseeadler der vom Ufer des Eagan Lake auffliegt.
Letzte Nacht hat es dann zum ersten Mal so richtig geschneit. Die Temperaturen sind auch gleich auf einige Grad unter Null gesunken und als wir heute aufgestanden sind, war die Welt weiß. Die Wassereimer in den Zwingern sind mit einer dicken Eisschicht überzogen und die vereisten Karabiner an den Türen und den Ketten für die Hunde lassen sich erst nach einigen Hammerschlägen öffnen. Das gibt uns einen kleinen Vorgeschmack auf den kommenden Winter. Leider reicht der Schnee noch nicht für eine erste Fahrt mit den Hundeschlitten und so müssen Claudia und ich auch heute wieder mit den Allradfahrzeugen trainieren. Dafür ist der Boden aber hart gefroren. Dass verhindert die ansonsten tägliche Schlammschlacht auf den matschigen Waldwegen. Aber bereits am Nachmittag ist der Schnee schon wieder verschwunden und das herbstliche Braun ist wieder zurück. Was bei Claudia und mir bleibt, ist die Freude auf den kommenden Winter. Inzwischen funktioniert die Arbeit mit den Hundeteams immer besser. So langsam finden wir heraus, welche Kombinationen am besten miteinander laufen können. Auch die Leader hören immer besser auf unsere Kommandos: Hike = Start, Gee = Rechts, Haw = Links, Wow = Stopp/Anhalten. fs
Letzte Woche haben wir mit dem Training für die Hunde begonnen. Am Morgen des ersten Trainings gab es allerdings ein ordentliches Durcheinander. Mehrere Hunde haben sich erstmal durch die Zäune bekämpft. Zum Glück gab es nur kleine Wunden. Jetzt wo es endlich etwas kälter wird, werden die Hunde aktiver und wissen vor lauter Energie nicht so recht wohin damit. Laurie meint dazu lachend: "Spätestens wenn das Blut anfängt zu fließen, sollte man mit dem Training beginnen." Trotz des chaotischen Morgens verläuft die erste Trainingsrunde hervorragend. Drayton, der Leader, hat sein Team super unter Kontrolle und es ist toll, den Hunden bei der Arbeit zuzusehen. Da noch kein Schnee liegt, spannen wir die Hunde vor die beiden Allrad-Fahrzeuge. Dank leichter Motorunterstützung müssen die Hunde noch nicht so viel ziehen. Sie sollen sich erstmal wieder daran gewöhnen mit Geschirr und im Team zu laufen. So trotten wir mit gemächlichen 10 bis 15 km/h durch den Wald. Acht bis zehn Hunde kommen pro Trainingseinheit und Fahrzeug zum Zug. An vorderster Stelle laufen die Leaddogs. Danach folgen die beiden Pointdogs, anschließend kommen die Teamdogs und an hinterster Position -direkt vor dem Fahrzeug- laufen die Wheeldogs. Das macht acht bis zehn Ohrenpaare, die sich wie kleine Satellitenschüsseln ständig nach jedem Geräusch im Wald ausrichten.
Mit dem Beginn des Trainings bekommen wir noch mal einen ganz anderen Blick und eine andere Beziehung zu den Hunden. Bisher kannten wir die Tiere nur in ihrem Zwinger oder einige Wenige durch kurze Spaziergänge an der Leine. Jetzt im Gespann überraschen einige Hunde mit einem vollkommen anderen Verhalten. Für mich ist die kleine Mocha die größte Überraschung. Sie ist so scheu und ängstlich, dass sie sich jedes Mal zitternd in ihrem Hundehäuschen verkriecht, wenn ich zum Füttern oder Saubermachen in ihren Zwinger komme. Inzwischen bin ich mit viel Mühe soweit gekommen, dass sie sich schon halb heraustraut, während ich sie kraule. Sobald sie aber vor dem Fahrzeug eingespannt ist, entpuppt sie sich als der beste Leader unter Lauries Hunden. Sie gehorcht aufs Wort und zieht unter Einsatz sämtlicher Kräfte mit ihrem winzigen Körper das ganze Team in die richtige Richtung.
Dass wir die Hunde jetzt immer besser kennen lernen, bringt Claudia in ernste Schwierigkeiten. Alle paar Stunden kommt sie mit einem strahlenden Gesicht zur Tür herein und berichtet, dass sie jetzt wieder einen neuen Lieblingshund hat. Inzwischen dürfte rund die Hälfte der hiesigen Hunde in den erlauchten Kreis der Lieblinge aufgenommen worden sein.
An einem freien Nachmittag machen Frida, Claudia und ich uns auf zum Spectacle Lake. Der kleine See liegt etwa 20 km entfernt im Wald und wird im Winter eines der Ziele unserer Schlittentouren sein. Der flache See ist wunderschön und auch ein paar Enten (Buffleheads), einige Säger und eine Bisamratte können wir beobachten.
Bevor der Winter endlich zuschlägt, müssen wir auch noch jede Menge Feuerholz vorbereiten. Nachdem mir Laurie gezeigt hat, wie ihre "Girly Chainsaw" - die kleine Motorsäge - funktioniert, zerlegen Claudia und ich ein paar Bäume. Zahlreiche tote und vollständig ausgetrocknete Kiefern stehen hier im Wald und warten förmlich darauf, zu Brennholz verarbeitet zu werden. Sie zeugen von einer ökologischen Katastrophe, die sich derzeit in British Columbia abspielt. Laurie und Tom erzählten uns von einem Käfer, der hier sämtliche Kiefern - und inzwischen auch die ersten Fichten - befällt und innerhalb weniger Jahre abtötet. Vor etwa zehn Jahren sei man auf dieses Problem aufmerksam geworden. Aber die offiziellen Stellen hätten abgewiegelt, als man noch etwas hätte tun können. Inzwischen sei sicher, dass große Teile des Waldes von British Columbia im Laufe der nächsten Jahre verschwunden sein werden. Das einzige was den Käfer noch dezimieren könne, wären extreme strenge Winter mit sehr früh einsetzendem Frost. Aber die globale Erwärmung macht das immer unwahrscheinlicher… fs
Seit vier Tagen sind wir nun bei Laurie und Tom Niedermayer in der Nähe von Bridge Lake in British Columbia. Den kommenden Winter werden wir für ihre Firma "Nakitsilik Outdoors Adventures" als Guides arbeiten und Gäste auf Schlittentouren begleiten. Die Landschaft ist traumhaft schön hier. Es ist leicht hügelig und bei guter Sicht kann man sogar die ersten schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains sehen. Der Herbst hat das Laub bereits mächtig bunt gefärbt und zwischen den Hügeln glitzert das Wasser des Eagan Lake in der Sonne.
Ein Highlight hier ist das Gehege mit den jungen Welpen. Claudia steht mitten in einem ganzen Haufen kleiner Hunde, die wie verrückt an ihr herumzerren und alles zerkauen, was an Jacke, Hose und Schuhen herumbaumelt. Kein Schnürsenkel und keine Kordel sind vor diesem Gewusel sicher. Irgendeiner dieser kleinen Wollknäuel findet schließlich mit der Schnauze einen Weg in Claudias Jackentasche und zerrt einen ihrer Handschuhe hervor. Doch die Freude über die fette Beute wärt nicht lange, sofort stürzen sich auch seine Kumpels mit wildem Gekläffe auf den Handschuh.
Zum Glück geht es nicht in allen Zwingern ganz so wild zu, wie bei den Puppies. Wenn die größeren Hunde genauso verspielt wären, würden sie wahrscheinlich uns anstelle des Handschuhs durch den Dreck schleifen. Die Hunde sind hier in Zwingern in Gruppen zwischen zwei und acht Tieren untergebracht. Nur die besonders schwierigen Charaktere und die läufigen Hündinnen werden einzeln gehalten. Durch die Haltung in kleinen Gruppen, entwickelt sich eine richtige Sozialstruktur und schwere Kämpfe zwischen den Hunden lassen sich größtenteils vermeiden. Laurie hat uns einen Zettel mit allen Hundenamen und einer kurzen Beschreibung eines jeden Hundes gegeben. Dennoch stehen wir immer wieder ratlos in den Zwingern und versuchen die Namen zuzuordnen, während die Hunde vor lauter Freude an uns herumspringen. Denn zum Füttern müssen alle Hunde in der richtigen Reihenfolge angekettet werden. Keine leichte Aufgabe bei 95 Sibirischen Huskies. Aber Laurie meint in ein paar Tagen haben wir raus, wie es läuft.
Laurie und Tom führen uns langsam in die Arbeit mit den Hunden ein: die Versorgung mit Futter und Wasser, Krallen schneiden, Hundedreck schaufeln usw. In den nächsten Tagen soll dann auch das Training für den kommenden Winter beginnen.
Aber auch jede Menge andere Arbeit muss erledigt werden. So decken Tom und ich das Dach eines neuen Gebäudes. Hier soll die gesamte Hunde-Ausrüstung für den kommenden Winter untergebracht werden. Wir müssen uns also etwas sputen, denn lange wird es wohl nicht mehr dauern bis der Winter kommt. Die ersten Nachtfröste und Schneefälle hat es bereits vor unserer Ankunft gegeben. Aber liegen geblieben ist davon leider noch nichts.
An unserem ersten Tag hier haben uns Tom und Laurie auf den kleinen Allradfahrzeugen ein wenig die Gegend und das Wegesystem gezeigt, auf dem wir im Winter mit den Gästen unterwegs seien werden. Heute machen wir uns erneut auf den Weg, um mit der Motorsäge einige Bäume aus dem Weg zu räumen, die bei den letzten Stürmen umgestürzt sind. Mit dabei ist auch Frida, die gestern eingetroffen ist. Sie kommt aus Schweden und absolviert hier für ein paar Wochen ein Praktikum, bei dem sie etwas über Hundepflege lernen möchte. fs