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Der Lärm um mich herum ist unbeschreiblich! Ich stehe an der Startlinie des Percy de Wolfe Memorial Sled Dog Race in Dawson City und meine neun Hunde scheinen genauso aufgeregt zu sein wie ich. Sie schreien und bellen, als ginge es in diesem Wettkampf darum, welches Team am weitesten zu hören ist. In dieser Disziplin hätte ich sicherlich gewonnen. Ich kann nicht einmal die Ansage aus den Lautsprechern neben mir hören. Zum Glück haben sich alle Schulkinder aus Dawson City an der Startlinie versammelt und schreien gemeinsam den Countdown für meinen Start herunter. Das übertrumpft sogar die Hunde!
Meine neun Vierbeiner stemmen sich in ihr Zuggeschirr als ich den Anker aus dem Schnee löse. Mit einem Fuß bleibe ich auf der Bremse stehen, während ich mit meinem voll geladenen Schlitten die Straßen von Dawson City hinunter jage.
In Erinnerung an Percy de Wolfe, den als “Iron man of the North” bekannten Briefträger, der in den Jahren von 1910 bis 1949 mit seinem Hundeschlitten die Post von Dawson City über Fortymile nach Eagle transportierte, startet vor dem Postamt in Dawson jedes Jahr ein Hundeschlittenrennen. In diesem Jahr haben sich zwölf Musher angemeldet, um mit ihren Hunden die 210 Meilen (338 km) auf der historischen Strecke zu bestreiten. Und ich bin mit neun von unseren Hunden mittendrin!
Der Schnee auf dem frischen Trail ist weich und ich bremse meine Hunde, damit sie sich nicht verletzen und zu schnell erschöpfen. Auch da es relativ warm ist, halte ich es für angebracht etwas langsamer zu fahren, damit die Hunde nicht überhitzen.
Nach und nach ziehen Musher wie Crispin Studer, Hugh Neff und Gerry Willomitzer mit ihren schnelleren Teams an mir vorbei. Trotzdem bin ich mit meiner Zeit zum ersten Checkpoint in Fortymile zufrieden. Während die Schlittenfahrer, die sich Hoffnungen auf die ersten Plätze machen, hier gar nicht oder nur kurz anhalten, bleiben die meisten weniger ambitionierten Teams in der Regel im Checkpoint und gönnen sich und den Hunden eine Pause. Auch ich bleibe für ein paar Stunden hier.
Fortymile war ein wichtiger Ort im hohen Norden Kanadas noch bevor der Goldrausch tausende Abenteurer auf der Suche nach Reichtum zum Klondike und nach Dawson City gelockt hatte. Hier befand sich ein Handelsposten und ein Saloon, an dem die ersten Goldsucher ihre Vorräte aufstocken und sich amüsieren konnten. Heute stehen in Fortymile nur noch ein paar verlassene Hütten, die zeitweise von Jägern, Trappern, Fischern oder eben Mushern genutzt werden.
Es ist bereits später Nachmittag, als ich die Hunde wieder anspanne. Weitere 50 Meilen liegen vor mir bis zum nächsten Checkpoint in Eagle, Alaska. Gut ausgeruht ziehen mich die Hunde voller Elan über den zugefrorenen Yukon River. Als es dunkel wird erscheinen grüne Nordlichter am sternenklaren Himmel und begleiten mich bis nach Alaska. Um mich herum ist es still und das einzige Geräusch ist das Hecheln der Hunde und das Surren der Kufen im Schnee.
Im Checkpoint in Eagle bekomme ich von den freiwilligen Helfern einen Ballen Stroh und Helen Eddy, die als Tierärztin den Checkpoint betreut, untersucht meine Hunde. Sie scheint mit dem Befinden meines Teams zufrieden zu sein und so kann ich mit meiner Camp-Routine fortfahren. Die Huskies sind außer sich vor Freude über das weiche Bett, das ich ihnen mit dem Stroh auf dem Boden bereite. Da die Temperaturen weit unter -20 Grad Celsius reichen, ziehe ich meinem Team außerdem windabweisende Jacken mit Fleecefutter über, während ich auf meinem Kocher Wasser zum Füttern heiß mache. Nachdem die Vierbeiner satt sind, bekommen alle eine ordentliche Portion Streicheleinheiten und eine Massage, bevor sie sich ins Stroh zum Schlafen legen. Endlich kann ich mich auch in die Wärme des Checkpoints begeben, selbst etwas essen und ein paar Stunden schlafen.
Am frühen Morgen breche ich wieder mit meinen Hunden auf und mache mich auf den Rückweg nach Dawson City. Inzwischen ist das Thermometer auf fast -30 Grad Celsius gesunken. Obwohl alle Hunde gut ausgeruht sind, macht Hydro schon nach wenigen Kilometern Probleme. Sie hat keine Lust weiter im Team zu laufen. Sie läßt sich von den anderen Hunden ziehen und sorgt so für große Unruhe im Team. Kaum habe ich sie in den Schlitten geladen, fängt sie an mit mir zu spielen. Dann taucht ein anderes Team auf und sie ist wieder ganz die Alte! Jetzt will sie die anderen verfolgen! Ich spanne sie ein und sie zieht wieder wie verrückt. Doch schon ein wenig später bereitet mir Swamp ein wenig Kopfschmerzen. Sie ist ein recht junger und unerfahrener Hund in unserem Team. Und obwohl sie auf unseren langen Trainigsläufen nie Probleme hatte, wirkte sie nie besonders selbstbewußt. Nun möchte auch sie nicht mehr weiterarbeiten. Die verbleibenden 20 Kilometer nach Fortymile transportiere ich sie deshalb in meinem Schlitten.
Um sicher zu gehen, dass Swamp körperlich in Ordnung ist, lasse ich sie im Checkpoint in Fortymile von Tierärztin Jessica Heath untersuchen. Aber auch sie kann keine physische Ursache feststellen. Und so versuche ich Swamp nach einer mehrstündigen Pause im Checkpoint wieder davon zu überzeugen, dass Schlittenfahren doch eigentlich eine ziemlich spaßige Angelegenheit ist. Aber erst als Ryan Kinna mit seinem Hundeteam in ihrem Blickfeld auftaucht, vergisst sie ihre Unsicherheit und will die Verfolgung aufnehmen. Ich habe Mühe sie festzuhalten, als ich sie am Halsband zu den anderen Hunden führe und wieder einspanne. Ryan und ich beschließen für ein paar Stunden gemeinsam weiter zu rennen.
Nach ein paar Stunden sind Ryan und ich so müde, dass wir immer wieder fast vom Schlitten fallen. Da wir in diesem Rennen ohnehin nichts zu gewinnnen haben, beschließen wir für ein Stunde in unsere Schlafsäcke zu kriechen. Wir werden pünktlich geweckt, als das Team von Colin Morrison an uns vorbei zieht. Nachdem ich mit etwas Mühe auch Ryan davon überzeugt habe, dass es angebracht wäre weiter zu fahren, springen wir wieder auf unsere Schlitten und bewältigen die restlichen Kilometer nach Dawson City. Als letzter Musher im Rennen überquere ich mit einem vollständigen und schwanzwedelnden Hundeteam die Ziellinie. So bringe ich nicht nur einen ganzen Sack voller neuer Erfahrungen mit nach Hause, sondern auch die rote Laterne, der Preis für das letzte Hundeteam. Sehr willkommen in den dunklen Winternächten des Yukon! fs


Fabian beim Zieleinlauf in Dawson City
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